LESEPROBEN aus …und wissend lächelte der
Buddha
Trauriger Nachruf oder vom Traum zum Alptraum
Im Paradies biss Adam in den ihm von Eva gereichten, verbotenen Apfel. Aus war's mit dem schönen Leben im Paradies.
In Khao Lak, Bang Niang Beach heißt Adam Geldgier und der Apfel Geld.
Ein Jahr später waren Mod und ich wieder in Khao Lak . Wir haben es fast nicht wiedererkannt: Am unteren Ende der Stichstrasse zum Beach wurde ein riesiges Resort errichtet. Uralte Blattwurzelbäume, Palmen und Kasuarinen mussten den Baggern und Sägen weichen. Statt ihrer stehen nun dicht an dicht, viel zu dicht, große Edel-Bungalows, umrahmt, nein verborgen, versteckt hinter hohen Mauern.
Das Lagoon suchten wir vergebens. Das Grundstück mit dem Freiluft-Restaurant war verkauft worden, nach unseren Informationen, an Mr. W. dem jetzt das ganze Gelände bis hoch zur Lagune gehört. Was wird er mit seinen 18 einfachen Hütten machen? Ich denke, er wird sie weiter vermieten. Er wird warten bis sich ein potenter Investor oder Käufer meldet, der dieses Gelände- Sahnestückchen mit Bungalows zubauen wird.
Auch die Bambus-Bungalows vom Sabai - Resort gibt's nicht mehr. Sie mussten neuen, steinernen Bungalows, ebenfalls dicht an dicht, eigentlich Fenster an Fenster, weichen. Der Mietpreis hat sich verzehnfacht, eine Nacht 2.000,00 Bath.
Khao Lak , nur in meinen Träumen wirst du weiterleben, denn dich gibt's nicht mehr.
Heinz Colberg, im November 2003
Nachtrag:
Der Tsunami , die Mörderwelle am 26. Dezember 2004 zerstörte Khao Lak , nahm mir meine geliebte Mod . Asienweit starben über 300.000 Menschen. Eine neue Zeitrechnung musste beginnen: Stunde Null nach dem Tsunami .
Heinz Colberg, im Januar 2005
aus Leid, Trauer, Hilfe – Hoffnung?
Am 4. Januar 2005, nach buddhistischer Zeitrechnung 2548 , flog ich abends wieder nach Deutschland, ohne in Khao Lak gewesen zu sein. Ich hatte von Mod weder etwas gesehen noch gehört. Wie auch, Mod war in Khao Lak gewesen, oder nicht? Ich war hier in Phuket ...Hoffnung?
Viele der von mir angesprochenen Helfer, den Volonteers, kannten Khao Lak gar nicht, geschweige denn die beiden sieben Kilometer von einander gelegenen Strände Bang Niang Beach und Nang Thong Beach………....
……….Irgendwann, erschöpft und unendlich leer, frage ich mich: Willst du Mod , deine Mod , wirklich so finden und sehen, tot, entstellt, notdürftig in zwei Müllsäcken verpackt? Ich gebe auf, die Ungewissheit bleibt. Lebt Mod vielleicht doch noch, wartet auf mein Kommen ?..............
…….Schopenhauer hat gesagt : Der beste Trost bei Trauer und Leid ist die Wahrnehmung noch größerer Leiden bei anderen, anderen, die offensichtlich mehr Leid erfahren haben.
Hier irrt er: Für die (meisten) Menschen wird in der Realität das eigene Leid immer größer sein, als das der anderen. Theorie und Realität.
Alles Leben ist Leiden, hervorgerufen durch Begierde, sagt der Buddha…...
…….Ich habe die Thai direkt nach der Katastrophe gesehen und erlebt, wie sie mit ihrem Schmerz umzugehen verstehen, in ihrem Denken unterstützt durch die Lehren des Buddha, gewillt sind, wieder alles aufzubauen: Gebt uns die Chance dies zu tun, wir wollen es selbst machen. Gebt uns jetzt am Anfang Hilfestellung, Werkzeuge, alles andere machen wir allein..... Ganz normal , fast emotionslos tragen sie ihre Wünsche vor. Ich denke, Hilfe zur Selbsthilfe, nach anfänglicher direkter Unterstützung mit Medikamenten, Essen, sauberem Trinkwasser und Handwerkzeugen, ist der wirksamste Weg in eine, wenn auch ungewisse Zukunft, ohne dass die Thai ihr Gesicht, ihre Ehre verlieren………
aus Unterwegs mit Kaim und Bird
…. Die einundzwanzig Bambus- Sprossen hoch zur Baumhütte und wieder runter muss ich nicht öfter als notwendig haben. Ich befrage mich und meinen Körper jedesmal bevor ich abends zum Schlafen hochsteige sehr intensiv: Ist da noch was zu erledigen, ein sogenanntes Geschäft wie auch immer?
Bird kocht die Reisnudelsuppe. Auch er ist in den Dschungel gegangen, um für die Einlagen zu sorgen. Gelblich weisse, dicke Maden wie Engerlinge, zwei bis vier Zentimeter lang, bereichern unsere Suppe, genauso wie die Bambooworms, die aussehen wie die gedrehten Pirelli -Nudeln. Bird erzählt mir: Kaim has two days tour to lake . Na ja, was soll's. Es wird schon werden. Kaim war also unterwegs mit einer Tour, die wir vor ein paar Tagen zu viert gemacht hatten.
Mahlzeit, so schlecht ist diese Art von Suppen gar nicht. Die Einlagen sind geschrumpft und gehen in den Reisnudeln unter. Wenn man nicht weiß, was es vorher war, fällt´s gar nicht auf. Ich habe damit überhaupt keine Probleme, wirklich nicht. Very healthy, Heinss, your body need it, hat Kaim jedesmal grinsend kommentiert.
Später sitzen wir am Feuer, unterhalten uns ganz allgemein, auch über die morgige Kajak-Tour. Es wird heute nicht spät. Wir trinken noch eine Dose Chang, dann verschwinde ich über meine Bambusleiter in der Baumhütte. Bird kriecht ins Zelt.
Am anderen Morgen, nach dem Frühstück, steigen Bird und ich ins Kajak. Bird sitzt hinten und paddelt langsam und verhalten. Leise, fast geräuschlos taucht er das Paddel ein. Noch sind wir mitten im Regenwald. Die Bäume sind riesig hoch. Der Nebel kämpft sich ganz langsam von unten durch die geschlossenen Baumkronen. Kein Licht zum Fotografieren. Der River hat zur Zeit sehr wenig Wasser. So alle zweihundert bis dreihundert Meter sind sehr flache Stellen mit kleinen Stromschnellen zu überwinden. Die häufigen, mich anfangs ein wenig beunruhigenden Grundberührungen muss das Kajak aushalten, meint Bird. Aussteigen lässt er mich nicht. Langsam nehme ich solche Dinge als gegeben, als normal hin. Der bei Hochwasser sonst nur in großen Kurven dahinfließende River ist nun ein träges Flüsschen, das mäandernd dem verbliebenen Flussbett folgt.Wir kommen an eine Stelle wo hoch über dem Fluss ein Seil gespannt ist. Ich frage Bird nach dem Grund, wofür? Im gleichen Moment sehe ich wie sich ein Thai , auf einem kleinen Bambus-Floß stehend, daran ans andere Ufer hangelt. Aha!
Dann, meine vierte Schlange, nein Schlangen! Ich hätte sie nicht gesehen, wenn …..
Die Sonne geht im Westen auf
In der Oper Die Zauberflöte, ziemlich am Schluss des zweiten Aktes, singt Sarastro mit ergreifendem, mächtigem Bass eine Arie, die mit folgenden Worten beginnt: Die Strahlen der Sonne erhellen die Nacht …. Liebhaber dieser Musik - zu denen zähle ich mich auch mögen mir diesen Anfang nachsehen.
Hier in Khao Lak haben die ersten Strahlen der Sonne für mich Namen. Sie heißen Mod, Rapee und Pha. Und dieser, mein ganz persönlicher Sonnenaufgang beginnt im Westen. Dass ich damit die Natur, die Wissenschaft verdrehe, quasi seitenverkehrt darstelle, stört mich nicht. Es ist einfach so.
Morgens, so gegen 7:30 Uhr, nachdem ich meinen Instant-Mokka getrunken, ein oder zwei Bananen gegessen und meine erste Kron Thip geraucht habe, verlasse ich meinen Bungalow. Er ist eigentlich nur eine bessere Nippa-Hütte mit geflochtenen Wänden . Der Marsch zum Lagoon dauert zehn bis fünfzehn Minuten. Morgens wähle ich meistens den schattigen Weg am Strand entlang. Später am Nachmittag gehe ich unter Schatten spendenden Palmen zurück.
Weit, ganz, weit im Osten blinzeln die ersten Strahlen der Sonne über die Gebirgskette. Nur Minuten später kitzeln die schnell heller und wärmer werdenden Sonnenstrahlen das noch schlaftrunkene Land wach. Ich gehe spontan etwas schneller, denn zu meiner Linken, von mir aus im Westen, sehe ich - es sind nur ein paar Schritte - meinen Massagesalon . Es ist eigentlich nur ein großer Raum, mit Vorhängen unterteilt in drei Kabinen. Und es ist natürlich nicht meiner. Für Kunden öffnen sich seine Glasschiebetüren von 9:00 bis 22:00 Uhr. Jetzt, kurz vor 9:00 Uhr sind die Schiebetüren bereits offen. Die Sandalen der beiden Mädchen, ordentlich nebeneinander ausgerichtet, stehen davor. Man betritt in Thailand keinen Raum, kein Haus und sei es nur deine angemietete Hütte, mit Schuhen an den Füssen . Rapee und Mod sind also bereits auf. Ich werde sie begrüßen können. Mein Blick fällt in den Raum. Wie fast jeden Morgen beobachte ich die beiden Mädel, wie sie flink und gezielt ihren Arbeitsplatz reinigen, Kissen und Matratzen frisch überziehen und die Ventilatoren auf die Massageplätze ausrichten. Noch haben sie mich nicht bemerkt, sind in ihre Arbeit vertieft. Erst mein Sabadie khrab, guten Morgen Rapee, Sabadie khrab, Mod! Good morning. Have a nice day and many, many customers!, schönen Tag und viele Kunden!, lässt sie ihre Arbeit unterbrechen. Beide wenden sich mir zu. Und dann, ja dann passiert es , ich liebe sie dafür, ich brauche es geradezu:
Ich erlebe die wundersame Verwandlung von Rapees fein- und von Mods etwas herber geschnittenem Gesicht. Beide gebären , anders vermag ich es nicht auszudrücken, beide gebären, jede auf ihre Weise, ein zauberhaftes Lächeln. Ihre blitzenden Augen scheinen nur mich anzustrahlen: Sabadie kha, Heinss, how are you today, guten Morgen Heinz, wie geht's? Wo gehst du hin? Where are you going? Lachend winken wir uns zu. Beschwingt gehe ich, begleitet vom Lächeln meiner beiden ersten Sonnenstrahlen die von Westen kommen, weiter zum Lagoon .
Mir fällt ein, dass ich R apee bis vor einigen Tagen noch mit L apee angesprochen habe, wie alle Thai hier . Die Thai machen doch beim Sprechen generell aus dem R ein L . Auch Rapee spricht die Kurzform ihres Vornamens Su r apee mit L: L apee!
Lagoon, wie das schon klingt, fast wie eine Bar oder ein Nobelhotel. Es ist aber nur ein offenes Strandrestaurant dessen Gäste mit einem Palmwedel-Dach vor der Sonne geschützt werden. Ich liege nur rund zehn Meter daneben auf meinem Schattenplatz unter der riesigen Kasuarine .
Im Lagoon erreicht mich die Vollendung meines Sonnenaufganges im Westen . Pha heißt dieser dritte Sonnenstrahl. Pha ist ein Thaimädel - vom Alter her schwer einzuordnen - so zwischen zwanzig und dreißig, schätze ich mal. Auch sie zaubert ein ganz persönliches Lächeln in ihr Gesicht, ihre Augen strahlen: Sabadie kha, Papa! Das Strahlen scheint sich zu verstärken. Schwungvoll streicht sie sich ihre langen, schwarzen Haare von der einen Seite ihres Gesichtes auf die andere. Unwahrscheinlich wie sich ihr Aussehen urplötzlich verändert. Zweifellos eine Schönheit, die sich dieser Tatsache vielleicht gar nicht bewusst ist.
Kurz darauf bringt sie mir, verhalten lächelnd, meine Bestellung, Kaffee und Tee. Sonnenaufgang im Westen, schöner als der echte im Osten.
Wenn sich Pha nicht von mir beobachtet fühlt, ist sie zwar immer noch ein nettes Thaimädel , aber ihr Gesicht - eigentlich bei Thais recht selten zu beobachten - lässt interesseloses Gelangweiltsein vermuten, hat ihr Lächeln verloren. Wie schade! Schnell verdränge ich diese Gedanken, denn auch Pha gehört zu meinem ganz persönlichen Sonnenaufgang im Westen.
Die echte Sonne ging - wie die Natur es vorgesehen hat - inzwischen im Osten über dem Gebirge auf und steht jetzt bereits hoch am Himmel. Ihr heute blasses Licht streift das Meer, das sich vom Strand zurückziehend, der Ebbe ergibt .
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